Lange Nacht der Kirchen in Soltau 2022



Susanne Zschätzsch

 

 

 

Es war wirklich eine andere Nacht als gewohnt in der Marienkirche am 16. September.

Um 18 Uhr läuteten die festlichen Kirchenglocken, um alle Bewohner in und um Soltau zur Langen Nacht der Kirchen einzuladen.

Wer in die Marien-Kirche wollte, wurde schon vor der Tür von Pierrot, dem Clown mit seiner kleinen roten Laterne begrüßt und hinein geleitet. Das Kircheninnere war in heiderotes Licht getaucht, erhellt durch viele Kerzen. Der Blick ging automatisch nach vorne vor den Altar, wo ein großes Kreuz auf farbigen Tüchern umrahmt von einem Kerzen-Lichtermeer stand.

Die stündlichen Einheiten waren geprägt von Ruhe, von Musik und Gebet, von Klängen und nachdenklichen Gedanken, von der möglichen Begegnung mit Gott. Im musikalischen Nachtgebet wechselte zart vorgetragene Musik von Klavier und Flöte, gespielt von Diana Kloberdanz und Susanne Zschätzsch mit Text, Gebet und Stille.

Der Ruf und die Sehnsucht nach Frieden wurde aufgenommen im Friedensgebet, das von Stefan Kreipe (Saxophon) mit seinem Sohn Henri (Trompete) und Diana Kloberdanz (Orgel und Klavier) mit eindrücklicher Musik ergänzt wurde. „Herr, buchstabier uns deinen Frieden“ – ein  schmunzeliges Lied  des Pierrot zur Einstimmung in das Friedensgebet.

Im Anschluss war bei der kreativen Schreibwerkstatt Phantasie gefragt. Andrea Rehn-Lareya  leitete  die Teilnehmenden durch die gedankliche Reise durch die Nacht, die erstaunliche Kreativität der Beteiligten zu Tage brachte.

In die Seele fallende Klänge lockte Stefan Schneider aus seinen ungewöhnlichen Instrumenten hervor. Ob Lithophon, verschiedene Handpans oder Kupferröhren - umrahmt von Stefan Schneiders Erklärungen machten die Klänge neugierig auf die Instrumente. Die Zartheit der Klänge lud gleichzeitig ein, sich zu entspannen und sie in sich aufzunehmen. Besonders berührend war der Gedanke zur russischen Handpan – Musik ist Völker verbindend und damit diese Klänge ein Beitrag zu Frieden und Versöhnung.

Gabriele Haubner aus Münster lud alle als Pierrot ein zu ihrem Nachtgebet. Ganz bewusst Pierrot für Christus nennt sie ihre Figur. In dieser stellt sie ihr Leben vor Gott, pantomimisch und in selbst verfassten Gebeten und Liedern, so dass diese Einheit in sich zum Gebet wurde. Zum Schluss setzte sie sich in die Bank und endete mit einem vernehmlichen Amen, in dem alles für alle nachklang. So lud der Pierrot die Menschen ein zum Zuschauen, Schmunzeln, Mitbeten, allem dazwischen und alldem zugleich. In jedem Fall ging es unter die Haut.

Die Lange Nacht der Kirchen wurde mit dem Taizé-Nachtgebet abgeschlossen. Die für Taizé üblichen eingängigen Lieder, die immer wiederholt werden, bis sie in die Seele fallen, in Verbindung mit Gebeten und Stille konnten in der persönlichen Segnung zum Schluss für alle zu einem tiefen Erlebnis werden, das den Schatz, den Kirche zu bieten hat, erfahrbar machte.

 

 

Text: Gisela Steudter

 

Der schlichte große Raum von St. Maria war in das Licht vieler Kerzen getaucht, die Gedanken und Gebete konnten sich ausbreiten vor der Ikone auf den Altarstufen.

Nur die Schreibwerkstatt erforderte helleres Licht. Danach stellte Stephan Schneider seine außergewöhnlichen Instrumente vor und lud ein zum Klänge-Genießen. „Sie können umhergehen, sitzen, sich hinlegen oder auch schlafen. Ja, für mich ist das ein Kompliment, wenn jemand bei diesen Klängen einschläft.“ Seine Erklärungen zur Schwingfähigkeit von Kupferrohren und Steinplatten waren jedoch ganz und gar nicht einschläfernd.

 

Licht und Dunkelheit –Jan Leudolph hatte die Fassade der St. Johanniskirche in ein gestreiftes Kunstwerk verwandelt und im Kirchgarten leuchtete es an vielen Stellen. Zusammen mit der Heilig-Geist-Gemeinde Wolterdingen waren zwei Imbissstände aufgebaut. Auf der kleinen erleuchteten Bühne spielten Kinder, während in der Kirche die Kantorei unter dem Titel „Klassik populär“ bekannte geistliche Werke wie „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ in Fassungen für heutige Chöre und Hörgewohnheiten sang.

 

In der Lutherkirche schließlich war „Licht“ das große Thema. Die Westfassade samt Turm und Eingang ist zurzeit Baustelle mit Bauwagen, Lastenaufzug, Planen, Kübeln, Zäunen und allem, was zu einer Baustelle gehört. Leudolph hat gerade das inszeniert und nicht etwa versucht, eine „schöne“ Kirche zu zaubern. Von der Südseite her wirkte das Gebäude wie eine Industrieanlagemit bunten Silos und der wirre Bereich neben dem Haupteingang wurde zu einer kleinen blauen Grotte. Das Spiel mit dem Licht ging im Innenraum weiter. Natalia Rudolf überzog zweimal für eine halbe Stunde das gesamte Gewölbe mit einer Videoinstallation, in der sich gezeichnete und gemalte Menschen, Tiere und Formen bewegten. Gegen Ende war ihre eigene zeichnende und malende Hand im Bild.

 

In St. Maria endete die Nacht der Kirchen mit einem liturgischen Nachtgebet, in der Lutherkirche und danach in St. Johannis mit dem Jugendchor. Um Mitternacht verschwand nach und nach die magische Beleuchtung.